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A Second Chance

Ist es eigentlich ein Kompliment, einen Film mit dem “Tatort” zu vergleichen? Immerhin stimmt die wöchentliche Einschaltquote und die Krimireihe gehört quasi zum deutschen Kulturgut. Gut, cineastische Maßstäbe werden maximal aufgegriffen, statt selbst gesetzt, und so manche Handlung wirkt sehr konstruiert. Nichtsdestotrotz darf die steile Hypothese aufgestellt werden: Bei Susanne Biers “A Second Chance” (“En chance til”) handelt sich um das dänische Pendant.

So werden die beiden Polizeikollegen und Freunde, Andreas und Simon, zu einem Routineeinsatz in die Wohnung eines Junkiepaares gerufen, bei dem sie zufällig auch ein verwahrlostes Baby vorfinden. Während der sonst so besonnene Andreas nach diesem Einsatz und einem persönlichen Schicksalsschlag jeglichen Bezug zu Recht und Gerechtigkeit verliert, macht der frisch verlassene Simon die gegensätzliche Entwicklung durch. Und am Ende geschieht zwar kein Mord, dennoch sind alle Beteiligten auf der Suche nach Gründen und Schuldigen für zwei Tote. Die Geschichte könnte somit auch gut und gern von Felix Huby & Co. stammen.

Für “A Second Chance” schrieb Anders Thomas Jensen (Adams Äpfel, Hævnen, Brothers) das Drehbuch, der in seinem Heimatland Dänemark eine ähnliche Autorengröße ist. Trotzdem hat “A Second Chance” vergleichbare Lücken im Drehbuch wie jeder gewöhnliche “Tatort”, doch werden diese durch teils unverhältnismäßig schnelle Meinungsumschwünge der Charaktere erst erzeugt oder auch wieder kaschiert. Der Vorteil ist jedoch, dass Biers Moralkrimi dadurch nie still steht und zusammen mit typisch nordisch‐ruhigen Bildern in sich stimmig wirkt.

Das ist ja auch der Trick. Sonntagabendkrimis müssen nicht immer so realistisch wie möglich und auch Sympathien zu den Protagonisten müssen nicht zwangsläufig gegeben sein, wenn der Film gleichzeitig ein paar unvorhergesehene Wendungen parat hat und am Ende doch alles gut wird. Und das wird es natürlich. Ein guter Ersatz für die Tatort‐Sommerpause also.

© Geschrieben für Mit Vergnügen, Foto von Prokino

14.05.2015

Ex_Machina

Ein einfacher Satz: “Suchmaschinen verraten nicht, was wir denken; Suchmaschinen verraten, wie wir denken.”

In dieser fast beiläufigen Aussage zu Beginn des Science-Fiction-Dramas “Ex_Machina” steckt so viel Wahrheit, so viel Zukunftsvision und gleichzeitig so viel Angst und Schrecken, dass diese symbolisch für den gesamten Inhalt des Films gewesen werden kann: Dabei geht um einen schwerreichen Chef des Suchmaschinenimperiums Blue Book (ein Schelm, wer dabei an Google denkt!), der abgeschirmt in einem architekturpornografischen Forschungslabor lebt und eine möglichst menschenähnliche Maschine mit künstlicher Intelligenz entwickelt. Für ein Experiment lädt sich CEO Nathan (Oscar Isaac) den jungen Programmierer Celeb (Domhnall Gleeson) ein, den er für die Durchführung eines Turing-Tests benutzt, um zu beweisen, dass Ava (Alicia Vikander) kein Roboter ist.

Selbstverständlich entwickelt Celeb nicht nur Faszination sondern gar Gefühle für die hübsche Ava, natürlich mimt Nathan den jungen, betont lässigen Techniknerd und erwartungsgemäß gerät das experimentelle Gefüge schnell außer Kontrolle – doch entscheidend für das überaus intelligente und packende Regiedebüt des Schriftstellers Alex Garland (The Beach, 28 Days Later) ist die ruhige und stilsichere Erzählweise; stimmungsvolle Bilder verpackt mit zig Metaebenen von der Schöpfungsgeschichte über Macht und Gefühle bis hin zu politischen und datenschutzrechtlichen Fragen der Gegenwart.

Waren die Zukunftsvisionen von Björks Video zu “All Is Full Of Love” (1999) und Spike Jonze “Her” (2013) noch technische Liebesgeschichten, so verweist “Ex_Machina” doch sehr dystopisch auf unseren naiven Umgang mit modernen Kommunikationsmethoden von Suchmaschinen, Kamera- und Sensorentechnik bis hin zu Spracherkennung – alles Entwicklungen, die gerade erst im Anfangsstadium stecken. Noch ist gar nicht absehbar, wie immens wertvoll und naiv die Preisgabe dieser Informationen über das Denken im Allgemeinen ist. Und das ist gefährlicher als jeder noch so “menschliche” Roboter.

© Geschrieben für Mit Vergnügen, Foto von A24 / Universal Pictures

22.04.2015

A Most Violent Year

Kapitalismus ist ein Drahtseilakt. Geld und Macht verändern einen Menschen, gerade in Krisenzeiten wird oft der wahre Charakter freigelegt. Freundschaften von einst bedeuten plötzlich nichts mehr, Beziehungen werden auf die Probe gestellt und Feinde werden zu Komplizen. Kapitalismus ist vor allem auch ein psychologisches Spiel an der Grenze der Legalität. Gerade im Jahr 1981 waren im rauen New York die Regeln auch noch andere: die Stadt versinkt in Korruption, Dreck und Brutalität. Mafiöse Strukturen bilden das wirtschaftliche Fundament und für viel und schnelles Geld wird auch vor Bestechung, Erpressung und Mord nicht Halt gemacht. So was wie ein Gewissen existiert nicht.

Die Hauptfigur ist Einwanderer und Heizölunternehmer Abel Morales (Oscar Isaac), der zusammen mit seiner Frau Anna (Jessica Chastain) verbissen am kapitalistischen Traum arbeitet. Doch der Markt ist umkämpft und skrupellos. Es werden dreckige Deals abgeschlossen, zwielichtige Grundstücksverkäufe abgewickelt und die Konkurrenten mit gezielten Attacken geschwächt. Abel Morales hingegen hat Moral, glaubt an fairen Wettbewerb und respektiert die Gesetze – was im Brooklyn von damals reichlich naiv ist. Genau das erkennt er auch und verliert im Kampf um den bedingungslosen Erfolg zusehends sein Gesicht: er wird kaltherzig, verwickelt sich ebenso in krumme Geschäfte und wird schlussendlich auch Blut an seinen Fingern haben.

Regisseur J. C. Chandors gelingt es dabei genau diese Vielschichtigkeit zu zeigen: In einem System, das sich Kapitalismus nennt, gibt es eben nicht nur die Guten und auf der anderen Seite die Bösen. Es ist vielmehr ein Geflecht, in dem Ideale an der harten Realität scheitern und so lange vertuscht und gemauschelt wird, bis die Gewinne sprudeln – Egoismus auf allen Ebenen. Die Polizei, die Justiz und der Staat spielen dabei keine bedeutende Rolle und sind vielmehr nur machtlose Zuschauer, die sich dem Geld unterordnen. “A Most Violent Year” kann somit auch gern als subtile Kritik gesehen werden, selbst wenn nie der Zeigefinger gehoben wird, Gewalt in den Bildern nur angedeutet wird und schlussendlich fast alle Hintergründe im Dunkeln bleiben. Die kapitalistisch Welt ist eine harte. Damals und heute.

© Geschrieben für Mit Vergnügen, Foto von Atsushi Nishijima / A24 / SquareOne

18.03.2015

selma

Verfilmungen bedeutender Biografien sind ja immer so eine Sache: Sie müssen dem großen Lebenswerk gerecht werden, eine kritische Betrachtung ist oft fast ausgeschlossen und trotzdem soll der Spielfilm unterhaltender sein als eine nüchterne Dokumentation der Fakten auf N24. Schwierige Aufgabe!

Im Fall von Martin Luther King jr. dürfte das Ganze nochmals um Längen steiniger sein, spielt seine Person in der Geschichte des 20. Jahrhunderts doch eine entscheidende Rolle, für die er 1964 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Sein Engagement gegen Unterdrückung, Rassismus und Rassentrennung in den USA ist unantastbar, auch wenn er im Weißen Haus und beim FBI zwischenzeitlich zur Persona Non Grata deklariert wurde. Zudem wurden die Rechte der Biografie bereits 2009 an Steven Spielberg verkauft, sodass sich Regisseurin Ava DuVernay in der misslichen Lage befand, viele Szenen und Reden nicht verwenden zu dürfen. So pickte sie sich die Ereignisse und Rolle Kings rund um die Protestmärsche in Selma, Alabama, im Sommer 1965 heraus. Interpretationen und künstlerische Freiheiten waren zwangsläufig unausweichlich, was natürlich die verschiedensten Interessengruppen, Historiker und Wissenschaftler auf die Palme brachte. Wer hätte es gedacht.

Dennoch: „Selma“ ist ein gute Verfilmung, die den Fokus auf den geistlich-intellektuellen Martin Luther King jr. legt, der auch seine Zweifel hegt und ihn weniger in den geschichtlichen Kontext stellt. Und gerade das ist die Stärke, weil David Oyelowo als Hauptdarsteller mit einer immensen Stärke, Ausdrucksweise und Glaubwürdigkeit die Rolle verkörpert, dass es schon sehr verwunderlich ist, ihn nicht auf der Liste der Oscar-Nominierten zu finden.

Im Umkehrschluss kann man dem Film aber auch genau das wiederum vorwerfen: Es ist eine One-Man-Show. So ist zwar der intimste Moment als King nachts unsicher die Gospelsängerin Mahalia Jackson anruft und sich etwas vorsingen lässt, doch vernachlässigt DuVernay oft das Politische. Das mag weniger ergreifend sein, doch ohne sein schwieriges Verhältnis zu Präsident Lyndon B. Johnson, mit all seinen taktischen, politischen und menschlichen Machtspielchen auf höchster Ebene, wären mit großer Wahrscheinlichkeit die geschichtlichen Ereignisse anders verlaufen. „Selma“ deutet die diplomatischen Verhandlungen und Beziehungen im Hintergrund oft nur an, auch wenn diese noch mehr Bedeutung verdient hätten. Am Ende geht es aber auch einfach nur um die Gewalt und die Macht der Bilder.

© Foto von Studio Canal

17.02.2015

thedrop

Banale und einfache Erkenntnis: Dealer, Gangster und Mörder sind auch nur Menschen. Das eigentliche Kunststück ist es nun, den Drahtseilakt zwischen Verurteilung und Glorifizierung hinzubekommen, um eben genau das Menschliche zeigen, was in anderen Filme zugunsten der reißerischen Männergeschichte oftmals ausgespart wird.

Im Krimidrama “The Drop” setzt der belgische Regisseur Michaël R. Roskam dabei vor allem auf das Stilmittel der Reduktion: keine ausufernde Gewaltszenen, keine großen Liebesgefühle, keine allzu kranken Charaktere, die ebenso ruhig handeln wie der Film gedreht ist. Und das Experiment gelingt aus mehreren Gründen. Zum einen weil Drehbuchautor Dennis Lehane (Mystic River, Shutter Island) schon immer die etwas intelligenteren und komplexeren Genregeschichten geschrieben hat und zum anderen weil die Besetzung des Films großartig ist. So mimt Tom Hardy einen Barbetreiber, der nur das Nötigste spricht, sich rührend um einen Hund kümmert, dennoch aber auch zwiespältige Geheimnisse zu haben scheint. Der verstorbene James Gandolfini ist als dessen Cousin ebenso in der halblegalen “Money drop”-Bar angestellt und bekommt mit seiner letzten Rolle einen würdiger Abschied. Und Noomi Rapace ist sowieso immer gut.

Natürlich ist “The Drop” keine Krimirevolution um illegale Geld- und Mafiageschäfte, aber man muss ja das Rad auch nicht immer neu erfinden. So stecken die Tücken und Verstrickungen der Geschichte um die Brooklyner Bar und ihre Besitzer eher im Detail und viele Zusammenhänge um das kriminelle Netzwerk drumherum oder lokale Kiezgeschichten werden bewusst nebulös gehalten. Der Stimmung des Film tut das gut, auch wenn selbstverständlich ein, zwei, drei Leute draufgehen. Ist nicht schön, musste aber anscheinend sein.

© Geschrieben für Mit Vergnügen, Foto von Twentieth Century Fox

03.12.2014

christianludwig

Nicht nur Autoren fragen mehr, als dem Umfeld lieb sein dürfte, auch die Mitarbeitenden am Gemeinschaftsprojekt “Moritz & Ivahn” stellen Fragen auf, denen Christian Ludwig wenig widerwillig Antworten geschenkt hat.

Jacobo Labella: From where comes the idea about “Moritz & Ivahn”?

Es ist schon zwei Jahre her, aber ich kann mich noch genau erinnern. Achtung, das könnte jetzt herrlich romantisch rüberkommen: als ich mich mit diesem leeren Buch in eine Bar setzte, Pfefferminztee und schweren Kuchen bestellte, mir der Wunsch kam, einfach eine geradlinige Liebesgeschichte zu schreiben. Mal die seltsamen Momente rauszulassen, die komischen Gedanken zu ignorieren. Hm, um Liebe oder ähnliches drehte sich die anfängliche Kurzgeschichte tatsächlich, das mit der schnörkellosen Erzählung dagegen klappte nur bedingt. Ganz so einfach ist es im echten Leben ja auch selten, hab’ ich gehört.

Marcel Danner: Christian, im Endeffekt hast du dich für drei Menschen entschieden, die die Protagonisten deines Romans verbildlichen, welche du dir ursprünglich völlig anders vorgestellt hast. Was hat dich dazu bewegt?

Entscheidet man sich bei einem Roman für Illustrationen und Fotografien, kann es letztlich zwei Ausgangslagen geben: die Geschichte strikt inhaltsgerecht zu bebildern oder eben das Gefühl der Geschichte in Momente zu fassen. Wir haben uns für Variante Zwei entschieden. So ist es weniger ein Daumenkino des Romans, als ein beinahe eigenständiger Zusatz geworden, bei dem die Bilder und deren Atmosphäre wichtig sind, nicht das sofortige Zuordnen zu Seite 15, Absatz 67 oder so.

Janka Eckert: Wieso hast du so viele unterschiedliche visuelle Elemente in das Projekt eingebaut?

Man weiß ja von sich selbst, wie schnell man sich beeinflussen lässt und sich um die Chance einer eigenen Vorstellung bringt. Doch mir war das Nutzen von Fotografie und Illustration zu wichtig und zu sehr mit der ursprünglichen Idee zum Buch verbunden, als dass ich sie hätte weglassen können. Also mischen sich unterschiedliche Gesichter zu den Figuren, ob abgelichtet, gemalt oder im Musikvideo. So verschwimmt das Bild eines Ivahns zu einer Mischung aus unterschiedlichen Protagonisten und der eigenen Phantasie.

Eike Schmücker: Wieso taucht die Romanfigur Anna nicht im Buchtitel auf?

Vor zwei Jahren hatte der Roman noch einen anderen Namen – ein Zitat aus dem Text. Im Kopf hatte ich aber schnell nur noch die beiden Namen Moritz und Ivahn, wenn ich mich an das Schreiben setzte. Die Variante mit Anna gab es kurzzeitig auch, aber die Wichtigkeit einer Person hängt ja nur bedingt mit dem Buchtitel zusammen. Oh, mein letzter Satz klang aber wie billig aus der Frage rausgewunden.

Joseph Wolfgang Ohlert: Kannst du dich noch daran erinnern, welches Buch du als allererstes selber gelesen und welches du auch für gut empfunden hast?

Ich liebte als Kind schon Sagen, Märchen und was nach Natur und eigenwilligen Persönlichkeiten roch. Thüringen eben. Daraus mussten meine Eltern wohl häufig lesen. Dabei waren Hörspiele mein größter Einfluss, die Sprecher teilweise meine unbewussten Helden, aber auch die musikalische Begleitung bei den alten Aufnahmen hatte es ordentlich in sich. Und gebt mal “Allegro, das kleine Pony” in eine virtuelle Suchmaschine ein, dann habt ihr meine erste Literaturerfahrung, Satzende.

Matt Parker: Where is the furthest you have travelled on a road trip and what did you find?

Ich denke an einen Ort namens Vada in der Toskana, mein Auto ohne Klimaanlage und einen fast leeren Strand. Gefunden habe ich Sonnenbrand und meine Schweißdrüsen.

Matt Koslowski: Du veröffentlichst nun schon zum vierten Mal über Lieblingsempire. Hat die Zusammenarbeit dein Schaffen beeinflusst?

Ein Ort, wo man quasi erstmal denkt und schreibt, was man möchte, ohne Reissbrett oder Berechnung eines Endprodukts, hat meist positiven Einfluss. Ich mache mir selbst eher im Nachhinein Gedanken, ob im Text mehr pikante Situationen oder nackte Haut angebracht gewesen wäre oder wie ein anderer Verlag den Buchtitel plakativer gewählt hätte.

Christoph Schwarze: Warum tust du dir den Idealismus, die roten Zahlen und den Stress des Selbstveröffentlichens an?

Das Leben ist nicht immer eine Rechnung oder die Summe der logischen Teile. Ein Bekannter meinte vor vielen Jahren mal, das Leben als Autor wäre meine Bühne. Fand ich damals dubios, heute fast passend. Irgendwie muss der Spuk eben raus, ansonsten würde ich wohl unglaublich mies schlafen.

Christian Ludwig: Wird es eine Fortsetzung der Liebelei um Ivahn, Anna und Moritz geben?

Ich weiß, dass meine drei schönen Models quasi parat stehen, aber ob man auf den offiziellen Winterroman zu “Moritz & Ivahn” hoffen sollte, steht irgendwo in den Sternen oder geheimen Akten meines Agenten.

Weitere Informationen zum Buch unter www.moritz-ivahn.de

Foto: Lieblingsempire

27.11.2014

Filmed and edited by Chris Phillips
Music by Earthkeptwarm (“Moritz & Ivahn”, 2014)
Based on the first chapter of the novel “Moritz & Ivahn” (2014) by Christian Ludwig
Actors: Marc Bieri, Marcel Danner, Sophie Nickolai
Label: Lieblingsempire, 2014

24.11.2014

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An Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) scheiden sich die Geister. Einerseits ist er ein Gewinner, wie es der amerikanische Traum so will: Er hat sich vom Kleinganoven mit einer Idee und Einsatz nach ganz oben durchgeboxt; er hat eine schnelle Auffassungsgabe, lernt die Regeln des Geschäfts und kann Leute von sich überzeugen. Aber er geht dafür auch buchstäblich über Leichen, ist ein schmierig gegeltes Phrasenschwein und seine sozialen Kompetenzen liegen bei null. Beides zieht gleichermaßen in den Bann und stößt ab. Lou Bloom ist Dreh- und Angelpunkt des Films, ein zwiespältiger Antiheld.

Sein Geschäft ist dabei denkbar einfach: Egal, ob Autounfall mit Todesfolge, Einbruch mit Mord oder eine Verfolgungsjagd, die bestenfalls auch tödlich endet – Lou Bloom muss als erster vor Ort sein und möglichst nah mit der Kamera auf das Opfer draufhalten. Grenzen, Tabus, ethische Fragen oder Gesetze, Abmachungen und Freundschaft – drauf geschissen! Er muss der Erste sein, nur das bringt Bares. Oder wie Lou Bloom es mehrfach schön auswendig gelernt auf den Punkt bringt: “You have to buy a ticket to win the lottery!”

Natürlich ist Dan Gilroys Regiedebüt perverses Kino, bei dem es nicht um Opfer oder große Gefühle geht. “Nightcrawler” ist ein unterkühlter Film, der oft befremdlich wirkt und bei man als Zuschauer regelmäßig denkt: “Scheiße, nein! Das macht der jetzt nicht wirklich?! … Nein, das hat er grad nicht gesagt! Was für ein Arschloch!” Gepaart mit dem oft psychopathischen Blick Jake Gyllenhaals wirken viele Szene fast absurd und grotesk, so dass man unfreiwillig schmunzeln muss. Und doch: “Nightcrawler” hält uns als gutgelaunte Konsumenten von Sensations- und Katastrophennachrichten den Spiegel vor das Gesicht. Nicht selten beschleicht einen das Gefühlt, dass Dan Gilroy uns einfach nur wachrütteln will: “Seht her, so läuft das Geschäft! Ihr wollt den kranken Scheiß doch täglich auf allen Bildschirmen sehen.”

Ob sich das aber jemals ändern wird?

© Geschrieben für Mit Vergnügen, Foto von Concorde Filmverleih

13.11.2014

mattparker

Noch bevor der erste Roman “Sendawoy” in Druck ging, war klar – in anhaltender Liebe mit der Band Nedry, Matt Parker muss musikalisch eines Tages etwas zu Christian Ludwigs Werkschaften beisteuern. Irgendwie, irgendwo. Die Hoffnung lebte, das Resultat inzwischen tatsächlich auch. Unter seinem Projekt Earthkeptwarm hat er getüftelt, geschraubt und mit “Summer in the South” und “Winter in the North” zu beiden Teilen des Romans “Moritz & Ivahn” einen Song geliefert. Auf die weite Reise nach Birmingham, UK, gingen Fragen an Musiker und Produzent Matt, die teilweise fast zu schön beantwortet wurden.

Matt, how did the collaboration with the book project begin?

Originally, I met Christian whilst on tour with a band I was in called Nedry when we played in Berlin and Christian offered to let us stay with him for the night. We had a good chat and I remember getting emotional about some things at the time. The following day my laptop (which I used as part of the band) didn’t want to start and we had a huge panic and Christian took us to a computer service store very calmly. When we got there, three engineers queued up all excited to see the urgent problem but when I pressed the on switch, it turned on with no problem and was completely fine! I knew from then onwards that I would say yes to anything Christian ever asked of me!

Music and books – where is, should or could be the the connection and why does it happen so rarely?

A book follows its own timeline. Most books are linear experiences (except maybe for fantasy role play books) but they are stretched over a long time, where the reader is free to read at a speed they are comfortable with. Music is often more immediate, of a fixed duration and it makes it hard for the two to coincide neatly. However, I think, as with all creative processes, each medium can be influenced by one another and I think this is where writing music in accordance to themes within a book can become very powerful, to reflect the emotion and intention of a book through music.

What was the point you realised that music is more than just a short-period hobby?

I think when I finished university I remember thinking that all I wanted to do was music. I was pretty sure that all I wanted to do was music before going to university but I think I felt a need to explore other things that would hopefully influence my creativity as a musician in the long run and then once I finished studying, I knew it was all I wanted to do. It’s not easy… and it’s not like it is always a full-time job but I don’t think I’ll ever stop thinking about sounds in a creative way.

What or who is or was a huge influence for your work?

In my work as a media composer, my biggest influence is probably Cliff Martinez. As a guitarist, I love Johnny Greenwood, Benoit Pioulard, Jeff Farina, as an electronic music producer I love Radiohad, Massive Attack, Tortoise, Demdike Stare and James Leyland Kirby, as a sound artist, I love the work of Janet Cardiff and George Bures Miller, and Scanner.

I am obsessed with technicality, low frequencies, transmissions and rituals.

When you think about the project “Moritz & Ivahn”, what do you have in mind?

The desire and need to try find your true self, and developing a strong sense of personal identity but in exploring this, discovering that in finding out about yourself, you probably find out about other people more.

Tell us your three songs for a long road trip to the nowhere?

Djed by Tortoise,
A Tribute To by The For Carnation,
In Death – Is Death by Meshuggah.

Das Interview ist hiermit offiziell zum Einrahmen freigegeben. Die folgende Adresse gehört ebenso in die virtuellen Lesezeichen der Herzen: www.earthkeptwarm.com

Foto: Earthkeptwarm

02.11.2014

whatwedointheshadows

Also manchmal fragt man sich wirklich! Da werden Monate und Jahre in Filmprojekte gesteckt, Millionen investiert und zig Spezialisten für alles Mögliche angeheuert. Von verflossenen Schweiß und Tränen ganz zu schweigen. Und was ist das Ende vom Lied? Auf den letzten Millimetern wird schlapp gemacht. Im Konkreten: bei der deutschen Fassung! Das ist bis hierher nichts Neues, aber bei diesem Film ist es derart schade, weil man ihm den weltweiten Ruhm und jeden einzelnen, eingespielten Cent von ganzem Herzen wünscht!

Es sind vielleicht nur Details für Korinthenkacker, aber die könnten an der Kinokasse ausschlaggebend sein – auch wenn man das vielleicht nicht wahrhaben möchte. Los geht’s beim übersetzten Titel. So wurde das Original “What we do in the shadows” in “5 Zimmer Küche Sarg” eingedeutscht, was derart billig von der seichten Komödie “3 Zimmer/Küche/Bad” geklaut wurde, einfach nur schlecht klingt und dem qualitativen Anspruch des Film nicht gerecht wird. Dazu kommt die Schrift auf dem Plakat: Statt der mehr oder weniger bewusst typografischen Huldigung von Jim Jarmuschs großer Vampirromanze “Only lovers left alive” auf dem Filmposter des Originals setzt die deutsche Version auf kitschige Schnörkelschrift für Gothic-Teenies. Der erste Eindruck zählt! Und auch die Synchronisation lässt stark zu wünschen übrig. Aber da ist wie immer ratsam: bestenfalls die Originalfassung anschauen!

Hat man obere Punkte aber erfolgreich ignoriert, erwartet einen eine fantastisch lustige, teils böse und vor allem überaus liebevoll gemachte Komödie, die an allen Ecken und Ende nur so vor Ideen strotzt. Allein schon die Rahmenhandlung, bei der ein Kamerateam das Leben einer Vampir-Wohngeschmeinschaft begleitet, ist herrlich absurd. Dies wird noch durch etliche Alltagsprobleme und -fragen getoppt: Wer lädt einen zu den hippen Partys ein, wenn junge Menschen einzig zum Gefrühstücktwerden da sind? Warum sollten es zudem immer Jungfrauen sein? Wie frisiert man sich ohne Spiegelbild richtig? Und wer macht überhaupt den Abwasch des letzten Jahrzehnts? Auf alles gibt es Antworten!

“What we do in the shadows” ist genau das, was man von einer cleveren, extrem unterhaltsamen und kurzweilig Komödie mit Anspruch erwartet, ohne dabei die eigenen Charaktere oder andere Filme durch den Kakao ziehen zu müssen. Wirklich herrlich!

© Geschrieben für Mit Vergnügen, Foto von Droits réservés

26.10.2014