Hallo!

Dallas Buyers Club

Kinostart: 6. Februar 2014

Da war das Jahr noch ganz jungfräulich, da outete sich Thomas Hitzlsperger als erster Ex-Profifussballer als homosexuell. Ein nationaler Skandal! In Deutschland! Im Jahr 2013! Und man hätte ihm doch gar nichts angemerkt und man werde ihn bei allem unterstützen, so die Offiziellen! Schwulsein ist scheinbar hier und heute immer noch eine Krankheit, die per Handschlag weitergegeben werden kann. Doppelt erschreckend, wenn man im – um es vorwegzunehmen: ziemlich guten – Dallas Buyers Club sieht, dass selbst die Leute im Jahr 1985 teilweise schon aufgeklärter im Kopf waren. In Texas! Im George W. Bush-Staat! Hallo!

Aber ein paar Idioten muss es ja immer geben, wir haben dafür heute noch Jens Lehmann („Fußball ist eine Männersache!“), in den USA gab es damals die – Entschuldigung vorab! – Rednecks. Und genau solche waren Ron Woodroof und seine Kollegen auch: einfache Arbeiterklasse, Rodeofans, Cowboyhut & Stiefel, alle Trinker und voller Drogen, Denken von Wand bis Tapete, selbsternannte Machos und in erster Linie homophobe Arschlöcher. Plötzlich erhält er dann die schockierende Diagnose: AIDS, die “Arschfickerkrankheit”. Ab diesem Moment war Woodroof bei seinen „Freunden“ nur noch die aussätzige Schwuchtel. Unterstützung gab es keine, Handschläge sowieso nicht.

Doch einen Woodroof bringt nichts binnen von 30 Tagen ins Grab, so der trotzige “Fuck you”-Mittelfinger an die Krankheit, sein komplettes Umfeld, an geldgeile Ärzte und die verlogene Pharmaindustrie gleich mit. Er kämpft wie ein zäher Hund, pendelt mehrmalig zwischen Tod und kurzzeitigen Selbstmordgedanken – und lernt den transexuellen Rayon (Bitte einen Nebendarsteller-Oscar für Jared Leto!) kennen. Gemeinsam bauen sie ein Geschäft mit aus Mexiko eingeschmuggelten Medikamenten auf, die in den USA von der FDA nicht zugelassen werden. AIDS-Kranke stehen Schlange, die Dollarscheine rollen.

Es ist eine nüchterne Welt, die Regisseuer Jean-Marc Vallée zeichnet: AIDS als Wirtschaftszweig zu Lasten der Erkrankten, ein vollends gespaltener Rayon, der sein Junkiesein nie überwindet und ein Woodroof, dem es gesundheitlich besser geht, zunehmend seine menschliche Seite entdeckt, aber nie seinen schroffen Kern verliert. Dazu ein texanisch-trockener Schnitt der Bilder und ein exzellenter Matthew McConaughey, der seiner Figur viel Raum für Improvisation sowie Ecken und Kanten gibt.

Dallas Buyers Club ist die kämpferische Biografie von Ron Woodroof, der aus seinen 30 Tagen bis zu seinem Tod im Jahr 1992 fast 3.000 macht, ohne dabei sich und seine Rodeowurzeln aufzugeben. Gleichzeitig ist es aber auch eine subtile Abrechnung mit den Praktiken der Pharmalobby, ein stilles Plädoyer für die Aufhebung von Geschlechterrollen und vor allem ein Ansporn zu zivilem Ungehorsam: Fuck you, Pillenindustrie! Fuck you, Homophobie! Fuck you, Jens Lehmann! Mittelfinger hoch!

© Geschrieben für Mit Vergnügen

30.01.2014

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